„Hraaaaaaaaaaaaaaargh!“ Er schreckte aus seinem Schlaf hoch, dann packte ihn der Schwindel. Unbeholfen ging er ins Bad, sank zwischendurch bei jeder neuen Welle Übelkeit auf die Knie und schaffte es dann doch mit dem Kopf über die Kloschüssel. War der Schrei noch Traum? Mein Hals ist so trocken. Der brennende Schwall kam. Als er den letzten Schleim ausgespuckt hatte, zog er sich am Waschbecken hoch und trank vom Wasserhahn.
Er füllte seine Handflächen mit kaltem Wasser und schlug es sich ins Gesicht. Haarsträhnen klebten ihm an der Stirn. Beim Blick in den Spiegel schauderte er – seine rechte Wange war verschrammt und leicht angeschwollen; das Ohrläppchen war eingerissen, ein dicker Wundschorf hatte sich darauf gebildet. Woher sind diese Verletzungen? Eine Erinnerung.
Der Anzug muss sitzen. Das Auftreten ist entscheidend; sei seriös. Eine der ersten eingebleuten Regeln. Die Krawatte eines Handelsvertreters muss sitzen. Ich glaub’, dass tut sie schon. Egal, noch mal dran rütteln. So. Okay, lächeln, auch wenn es dir scheiße geht. Klingelknopf drücken und die Show kann beginnen. Okay, okay, gleich, da, die Tür geht auf. „Guten Tag, ich komme im Auftrag …“
Kopfschmerzen traten ein. Wortwörtlich; es war, als würden die Schmerzen seine Schädeldecke eintreten. Im Spiegelschränkchen fanden sich noch zwei Aspirin, die er einnahm. Zittrig auf den Beinen schleppte er sich zurück zum Bett. Seine Hose lag über der Stuhllehne und aus der Gesäßtasche winkte ihm ein gelber Zettel zu. Er nahm ihn heraus und ließ sich wieder ins Bett fallen. Die ruckartige Bewegung hallte schmerzhaft im Kopf nach. Er musterte den Zettel. Das Los von einer Tombola. Ich erinnere mich noch, wie ich es gekauft habe. Ein Stand vor dem Baumarkt war es. Irgendeine Kinderveranstaltung. Die Gewinne waren egal; sollte nur ein kleiner Gefallen sein. „Aah, Fuck! Wann wirken die Tabletten endlich?“ Er bedeckte mit einem Arm die Augen. Sein Kopf pulsierte, die Wange war heiß und selbst seine Fingerknöchel schmerzten. Warum?
Er setzte sich wieder auf die Bettkante und betrachtete seine Hände. Er ballte sie zu Fäusten und die nächste Erinnerung traf ihn hart. Die dumpfen Laute, als er zugeschlagen hatte – er konnte sie hören. Und er erinnerte sich an etwas, das er an der Wand gesehen hatte. Ein Schild mit einem Denkspruch: „Trautes Heim, Glück allein.“ Es war heruntergefallen, weil ich gegen die Wand … Er stürzte zurück ins Bad und leerte den Wäschekorb aus. Unter Socken, Unterhosen und Hemden war auch der Anzug, den er zuletzt getragen hatte. Dunkelrote Blutflecken fanden sich darauf, längst eingetrocknet wie der Schorf an seinem Ohr. Was ist gestern vorgefallen?
Kategorien: 4. Themenstellung (Woche 8 & 9)
War es meine Schuld, die Wagners oder können wir alle nichts für den Lauf, den die Dinge nahmen?
Es begann vor zwei Tagen. Zu dieser Zeit war ich noch der Gehilfe Wagners. Er bereitete sein großes Experiment vor; hockte vor der überdimensionierten Phiole und stocherte in der Glut darunter. Ich stand am Destillierofen und
Jacobs Blick verfolgte geduldig jeden einzelnen Tropfen aus dem Hahn hinunter in das Glas. Ein Strich markierte die gewünschte Füllmenge. Nur noch ein paar Tropfen fehlten. Dann ging er mit der Flüssigkeit hinüber zu Wagner, der ihn erst nicht bemerkte. Jacob starrte in die eigentümliche Flüssigkeit – oder war es eine dickliche Masse? – in der Phiole. Darin zog es Schlieren, trennten sich die Stoffe um sich dann doch wieder zu vermischen und wechselten ohne festen Rhythmus die Farbe. Er konnte den Blick nicht abwenden.
„Das gewünschte Destillat ist fertig. Dann haben wir es geschafft, nicht?“
Wagner nahm seinem Gehilfen das Glas ab. Mit nachdenklicher, ferner Stimme antwortete er ihm: „Sehr gut, sehr gut. Gleich ist es vollbracht.“
„Uhm, Meister. Was ist das, was ihr erschaffen wollt – ein Homunculus?“
Wagner bedachte seinen Gehilfen mit einem Blick, der sagte:
Dummer Bursche, liest du überhaupt in den Büchern, die ich dir gebe?
„Ein Menschlein. Von keiner Frau geboren und keines Mannes Kind.“
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Kategorien: 3. Themenstellung (Woche 6 & 7)
Mit Tag(s) versehen: auslutschen, Destillierofen, Lachen
„Trabrennen“, notierte Johann Nepomuk Rossknecht, „sind in der Tat eine vollkommene Verschwendung der Kraft von Mann und Tier. Nur im Galopprennen kann das Pferd – namentlich der junge, unverbrauchte Hengst – in seiner natürlichen Gangart und mit weit ausgreifenden Bewegungen brillieren; nur im Galopprennen kann sich der Reiter – namentlich der noch nicht vollständig gereifte junge Mann – als Artist und Künstler seines eigenen und des Pferdes Körpereinsatz beweisen.“ Er nickte, zufrieden mit seinem Einfall. Dann riss er das Blatt aus seinem Notizheft und schob es hastig in die Rocktasche. Theoretische Ausführungen dieser Art würden keinem Freude machen, wenn sie in seinem Bericht zu finden waren, weder ihm noch seinem Auftraggeber und schon gar nicht dem Kaiser.
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Kategorien: 5. Themenstellung (Woche 10 & 11)
Mit Tag(s) versehen: Donaumonarchie, Galopprennen, Unterlippe
Es war mir einfach so herausgerutscht. Falls ich beabsichtigt hatte, eine mir ziemlich zerknautscht gegenübersitzende Nina aufzuheitern, dann war es mir eindeutig gelungen. „Was soll denn das für eine Aussage sein?“, fragte sie mit zweifelnd-belustigter Miene.
„Ähm“, setzte ich zu einer Erklärung an und verteidigte mich dann rasch: „Es ist ein Denkspruch des dänischen Königs Waldemar IV.“ – „Ach?“, zog Nina mich auf.
„Ja“, bekräftigte ich, „er sagte angeblich immer, wenn ein Problem auftauchte, ‚Morgen ist ein anderer Tag’. Er bekam sogar seinen Beinamen ‚Atterdag’ davon.“
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Kategorien: 4. Themenstellung (Woche 8 & 9)
Mit Tag(s) versehen: Denkspruch, Handelsvertreter, Tombola
„Weißt du, das war eine richtige Scheißidee.“ Sie schnauft verärgert und läuft in einem der Gänge auf und ab. Links und rechts die Bankfächer, darin vielleicht ungeahnte Schätze, vielleicht dicke Geldbündel. Im Gang daneben kauert ihr Partner und fährt mit handschuhüberzogenen Fingern über das kalte Metall. „Besser als ein Gewinn in der Staatslotterie, habe ich noch gedacht! Pah! Pah, pah, pah! Jetzt hocken wir im verdammten Tresor fest! Die Kameras sind ausgetrickst, sodass immer das gleiche Standbild zu sehen ist … Oder?!“ Sie stellt sich provokant vor die Kamera und pocht gegen die Linse. „Halloho!“ Auf der metallenen Ablagefläche in der Mitte des Banktresors liegt ihr Koffer, randvoll gefüllt mit Geldnoten. Sie packt ihn „Scheiß aufs Geld! Ich will hier wieder raus!“ und wirft ihn quer durch den Raum. „ICH WILL HIER …“
Ein wütendes Scheppern hallt durch die Gänge. Ihr Partner hat wuchtig gegen ein Fach getreten und schnauzt aus seiner sitzenden Position heraus: „GOTTVERDAMMT, BERUHIGE DICH!“ Als sie in den nächsten Sekunden nichts erwidert, spricht er weiter. „Ich konnte doch nicht ahnen, dass sich die Tür nach einem kurzen Zeitfenster automatisch wieder schließt. Wir hätten nicht mit dem ganzen Technikkrimskrams den Code entschlüsseln sollen, sondern altmodisch mit brachialer Gewalt einbrechen. Gewalt ist wohl doch die bessere Lösung.“ Ein verächtliches Lächeln frisst sich aus seinen Mundwinkel. Wen oder was er verachtet, ist unklar; vielleicht gilt es in diesem Augenblick ihm selbst.
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Kategorien: 2. Themenstellung (Woche 4 & 5)
Mit Tag(s) versehen: BH, Diebstahl, Staatslotterie