Falls das ‚bayerische’ Vokabular sich teilweise eher sehr mittel- und wenig westbairisch anhört, bitte ich schon jetzt um Entschuldigung. Ich kann gerade in der „Mundart“ nur schwer von dem abweichen, wie mir der (österreichische) Schnabel gewachsen ist. Und, hm, ich hoffe einfach mal, dass auch alle jenseits des Weißwurstäquators alles verstehen.
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„Wenn Sie nicht sofort dafür sorgen, dass dieser unerträgliche Lärm aufhört, werden Sie mich kennenlernen! Aber richtig kennenlernen!„
Hoteldirekter Reinhard Hummerer wich erschrocken zurück und flehte die resolute Achtzigjährige an: „Ein kleines bisschen Geduld noch, Frau von Näsel-Selbstgespräch, ich muss noch einmal mit dem Baustellenleiter reden und…“ – „Gräfin von Näsel-Selbstgespräch!“, unterbrach ihn die alte Dame verärgert, „Ich bin mit ‚Hochwohlgeboren’ anzusprechen! Und wenn Sie sich nicht bald ordentlich anstrengen, sind meine Freundinnen und ich nächstes Jahr wieder in Karlsbad!“ – „Gewiss, Hochwohlgeboren“, stammelte Hummerer, doch sein unzufriedener Gast war bereits hoheitsvoll von dannen getrippelt.
Hummerer wischte sich den Schweiß von der Stirn. Natürlich hatte die Gräfin im Grunde Recht: Der nahe Baustellenlärm, täglich von 9 bis 12 und von 13 bis 17 Uhr, war nicht förderlich für den Kurbetrieb. Doch wie sollte er dem lokalen Bauunternehmer Zirschel klarmachen, was diese Bauarbeiten zur unrechten Zeit (mitten in der Saison nämlich!) für verheerende Folgen haben konnten? Diese Bayern waren doch alles Dickschädel; Zirschel, der unglücklicherweise auch noch führender Gemeinderat war, würde keinen Millimeter von seinem „wichtigen Bauauftrag“ abrücken, selbst wenn das ihn, Hummerer, den ehemaligen Wendeverlierer aus Brandenburg, seinen mühsam errungenen Job als Direktor des Kurhotels kosten sollte.
Die Ortsansässigen begriffen einfach nicht, welche Chancen mit dem Tourismus verbunden waren! Bis vor wenigen Jahren war Obersillingen ein zwar idyllischer, aber sehr unbekannter Luftkurort inmitten des Bayerischen Waldes gewesen; als zusätzlich zu gesunder Höhenlage und frischer Landluft noch eine Heilquelle entdeckt wurde, durfte dem Ortsnamen ein „Bad“ vorgestellt werden. Den wirklichen Aufschwung aber hatte erst der prestigeträchtige Aufenthalt des alternden Schlagersängers Heli Otto (bürgerlich Helmut O. Dinkelberg) gebracht – seither war es für allerlei ehemalige Filmstars und verkrachte Adelige schick, sich bei einem Kuraufenthalt in Bad Obersillingen sehen zu lassen. Der florierende Kurbetrieb war nicht zuletzt das Verdienst des zugewanderten Ostdeutschen Hummerer.
Dieser beschloss nun, dass er nicht tatenlos zusehen würde, wie sein Nachwende-Lebenswerk wegen des seit gestern andauernden massiven Baulärms des Herrn Zirschel den Bach hinunterging. Entschlossen stapfte er ins Freie und die Hauptstraße hinunter, an deren oberem Ende das Kurhotel stand und an deren unterem Ende gegenwärtig Zirschels Bautrupp werkte. Woran überhaupt? An einem lächerlichen neuen Gemeindehaus! Als ob man das nicht in der Nachsaison bauen könnte, wenn die nicht so begüterten Rentner angereist kamen, die sich den Urlaub im nächsten Jahr sowieso nicht mehr würden leisten können! Hummerer schnaubte und bot einen wahrhaft ehrfurchtgebietenden Eindruck, als er auf den Container zuschritt, der Zirschel als Planungsbüro diente, begleitet vom rhythmischen, doch nichtsdestotrotz ohrenbetäubenden Geräusch eines Presslufthammers. „Du, da Preiß’ kimmt“, warnte Zirschels Vorarbeiter seinen Chef noch, bevor er ihn dem Schicksal in Form des keuchenden Hoteldirektors überließ.
„Herr Zirschel!“
Hummerer gelang es, die drei Silben zwischen zwei heftigen Atemzügen auszustoßen und ihnen sogar noch einen drohenden Unterton zu verleihen. Der hatte freilich auf Zirschel, der ihm gemütlich entgegengrinste, keinerlei Auswirkungen: „Oba Herr Hummerer! Nehman’S leicht an am Wettlauf teil?“
Dem Angesprochenen stand der Sinn nicht nach Scherzen: „Meine Hotelgäste beklagen sich über den Lärm, den Ihre Baustelle verursacht! Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht? Ausgerechnet jetzt damit zu beginnen!“ – „Ah gehngan’S, des bissal Baustöh! Jetzt san ma jo boid mit die Oarbeitn am Fundament fertig, daun wird ruck-zuck des Haus aufzogn und zur Einweihung vom neichn Gemeindehaus san Sie saumt sämtliche Kurgäst’ natürlich herzlichst eiglodnt…“ – „Wenn es dann noch irgendwelche Kurgäste gibt, Sie Ignorant!“, zischte Hummerer empört. Zirschel nahm es auch weiterhin gelassen: „Na na, Herr Direktor, nur ned persönlich werdn, goin’S. Des is a Gemeinderotsbeschluss, der is wossadicht bis in olle Ewigkeit! Mia haum jo von Aunfaung au gsogt, mia brauchn die Fremdn ned…“
In diesem Moment kam der Vorarbeiter wieder angekeucht: „Chef, kimm schnöö! Mia haum do wos gfundn…“
Zirschel stülpte sich rasch einen Helm über und folgte dem aufgeregten Mann; Hummerer warf einen kurzen Blick um sich, griff dann ebenfalls nach einem Helm und ging möglichst unauffällig hinterdrein. Sein geschäftstüchtiges Hirn hatte bereits zu arbeiten begonnen: Etwas gefunden? Bodenschätzte in Bad Obersillingen? Daraus ließe sich bestimmt etwas machen, unter seiner, Hummerers Anleitung, versteht sich – und das blöde Kurhotel könnte er sich dann auch schenken, mitsamt den mehr oder minder noblen Gästen – was für eine Vorstellung!
Wenig später beugten sich der Vorarbeiter, Zirschel und Hummerer (denn der Bauunternehmer hatte die Anwesenheit des Hoteldirektors stillschweigend zur Kenntnis genommen) über die Grabung für das Fundament. „Da Schorsch hod mitm ‚Titan‘ do g’oarbeit und auf amoi is earm aufgfoin, dass do wos ned stimmt“, klärte der eifrige Vorarbeiter sie auf. Hummerer verstand nur Bahnhof: „Titan? Sie beschäftigen doch hier keine Fabelwesen, oder?“
Seufzend erklärte Zirschel: „Naa, Sie Wirschtl… da ‚Titan’ is a neicha, extrem leistungsstorka Bagger… a Spitzngerät!“
Bevor der Bauunternehmer noch weiter ins Schwärmen geraten konnte, lenkte Hummerer seine Aufmerksamkeit lieber wieder auf die Grube und meinte: „Wollen Sie sich das nicht einmal genauer ansehen?“
Beide starrten nun angestrengt auf die Tonreste, die zumindest zum Teil der zerstörerischen Kraft des ‚Titan’ entkommen waren. Vorsichtig beugte sich Hummerer vor und griff nach einem davon; andächtig drehte er es in seinen Händen und dachte fasziniert: Vielleicht keine echten Bodenschätze, aber doch ein echter Glücksfall! Laut sagte er: „Sieht antik aus, mein Lieber… da werden Sie Ihre ach so hochwichtigen Bauarbeiten wohl einstellen müssen, bis ein Archäologen-Team hier war… und Sie wissen ja, wie lang das dauern kann!“
Zirschel murmelte etwas nicht Zitierfähiges und knirschte wütend mit den Zähnen. Dann überzog sich jedoch auch sein Gesicht mit einem perfiden kleinen Grinsen: „Mog sei. I jednfois woaß schau, wo die Archäologn wohna werdn… im oanzign Hotöh im Ort… zu Sonderkonditionen natürlich… und Sie wissn jo, wia laung sowas dauern kau!“
Hummerer starrte ihn einige Sekunden lang entgeistert an; so lange brauchte sein Gehirn, um den Verlust für Hotelkassa und Prestige auszurechnen. Dann verzog sich sein Gesicht zu einer entsetzen Grimasse. Er schleuderte den Helm wild von sich (dieser traf in der Grube auf, wo eines der wertvollen Tonstückchen ein letztes ‚Pling’ von sich gab) und stolzierte so schnell wie möglich davon. Heute war definitiv nicht sein Tag. Und von Bayern hatte er auch endgültig genug. Aber wirklich.
5 Antworten bis hierher ↓
Seba // 8. 1. 2009 um 20:15 |
Trotz Dialekt gut zu verstehen. Eine witzige Geschichte, gut geschrieben, mag ich. :)
feuerpferdle // 9. 1. 2009 um 7:10 |
Na, auch wenn der Herr Hummerer sehr flexibel zu sein scheint, als „Zugereister“ hat er es mit dem bayrischen Bauunternehmer dennoch nicht leicht.
Klasse geschrieben, Mundart mag ich sowieso und gerade die letzten beiden Absätze bringen mich zum Schmunzeln…
chrissi // 14. 1. 2009 um 20:40 |
Also mit dem Dialekt hab ich so meine Sorgen gehabt, aber den Inhalt an sich verstanden. :) Abgesehen von meinen Leseschwierigkeiten,macht es das ganze aber auch lebendig, find ich gut.
Zum Thema Brandenburg-Bayern: Als Brandenburger habe ich noch nicht viele Brandenburger getroffen, die nach Bayern wollten. Aber man geht dorthin, wo die Arbeit ruft, nicht? ^^’ Die Leute sind auf ihre Art nett, aber mit dem Dialekt hab ich auch so meine Sorgen. *hihi*
Jü // 15. 1. 2009 um 11:37 |
Tja, äh, Brandenburg. Ich muss ja zugeben, dass ich einfach jemanden konstruieren musste, den die Bayern mit Fug und Recht einen „Preußen“ (Preiß’) nennen können. ;)
chrissi // 15. 1. 2009 um 21:27 |
Lach, damit haben wir auch eigentlich kein Problem – also ich zumindest nicht. Und für die Laien steht OPR (das KFZ-Kennzeichen meines Heimatkreises) ohnehin für Ostpreußen. ;)