“Morgen ist ein anderer Tag” [Woche 8+9, Jü]

Es war mir einfach so herausgerutscht. Falls ich beabsichtigt hatte, eine mir ziemlich zerknautscht gegenübersitzende Nina aufzuheitern, dann war es mir eindeutig gelungen. „Was soll denn das für eine Aussage sein?”, fragte sie mit zweifelnd-belustigter Miene.

„Ähm”, setzte ich zu einer Erklärung an und verteidigte mich dann rasch: „Es ist ein Denkspruch des dänischen Königs Waldemar IV.” – „Ach?”, zog Nina mich auf.

„Ja”, bekräftigte ich, „er sagte angeblich immer, wenn ein Problem auftauchte, ‚Morgen ist ein anderer Tag’. Er bekam sogar seinen Beinamen ‚Atterdag’ davon.”

Sie grinste noch immer und immer stärker. Offensichtlich glaubte sie mir nicht, dass es überhaupt jemals einen dänischen König namens Waldemar gegeben hatte. Was konnten er und ich auch dafür, dass heutzutage nur noch Hunde so hießen? Aber jedenfalls schien Nina ihre Sorgen für einen Moment vergessen zu haben; sie hakte nämlich jetzt nach: „Und woher weißt du das schon wieder?”

Ich glaube, ich wurde leicht rosa. Denn wie ich nun gestehen musste, hatte ich mein Wissen über Atterdag keineswegs aus einer wissenschaftlichen Abhandlung, auch nicht aus einem Lexikon oder zumindest aus Wikipedia, sondern lediglich aus einem historischen Roman. (Wobei ich ja der Meinung bin, dass die meisten historischen Romane besser oder jedenfalls nicht schlechter recherchiert sind als Wikipedia-Artikel). Nina zwinkerte mir zu und meinte schelmisch: „Wenn man so hört, woher du deine schlauen Sprüche beziehst, könnte man glatt meinen, du hättest deine 1. Diplomprüfung in der Tombola gewonnen…” – „Na hör mal!”, erwiderte ich leicht pikiert, aber keineswegs verärgert, „Das war harte Arbeit – hat in der Zwischenzeit sogar mein Vater eingesehen.”

Jetzt grinste Nina endgültig von einem Ohr zum anderen (was in Anbetracht ihrer Laune vor wenigen Minuten eine geradezu gewaltig positive Entwicklung war): „Ach ja, dein Vater, der ehemalige Handelsvertreter… verschone mich!”

Ich aber war mittlerweile in der perfekten Laune und holte zu meinem dramatischen Monolog aus: „Jawohl, der ehemalige Vertreter von Strumpf- und Strickware, der mit dem Zeug ein halbes Leben lang durch halb Mitteleuropa gefahren ist… wilde Abenteuer in der ČSSR und renitente Kunden in westösterreichischen Bergtälern inklusive. Und was ist von diesen Jahrzehnten harter Arbeit geblieben? Ein Vater, der praktisch jeden, den man ihm vorstellt, schon über ein paar Ecken zu kennen scheint, und Berge von hässlichen Altweiberstrickwesten! Du könntest mich ruhig ein bisschen bedauern…”

Wie immer an dieser Stelle (denn sie hatte das wahrlich schon oft genug gehört) gluckste Nina vor sich hin und sagte in gespielter Empathie: „Oh ja, eine Dose Mitleid bitte!”

Scheinbar prüfend sah ich sie an: „Hm… müsstest du nicht eigentlich vollkommen niedergeschlagen sein? Das hast du zumindest vor nicht allzu langer Zeit noch behauptet.” – „Ach was, das ist doch lange aus”, meinte Nina leichthin, „und weißt du was? Ich glaube, schon heute ist ein anderer Tag!”

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